Die Kornati sind ein Archipel aus 89 Inseln in der kroatischen Adria, seit 1980 Nationalpark. Für europäische Taucher ist es ein schlecht gehütetes Geheimnis: warmes, klares Wasser, senkrechte Steilwände, eine gesunde Mittelmeerfauna und Tauchzentren, die noch nicht auf Massenabfertigung umgestellt haben. Verglichen mit Italien oder Spanien wirkt es wie ein Schritt in eine andere Zeit.
Die Kornati liegen an Kroatiens Mittelküste zwischen Zadar und Šibenik: 89 Inseln und Inselchen auf 35 km², fast alle unbewohnt. Der Untergrund besteht aus Kalkstein — ähnlich Malta oder Mallorca —, doch viele Inseln tragen die charakteristischen 'Krune', senkrechte Felsabbrüche, die ohne Vorwarnung ins Meer fallen und unter Wasser bis auf 80–100 m weitergehen. Das macht den Wandtauchgang hier zur Regel; Sand oder Coralligène sind die Ausnahme.
Sicht und Wasser: Die Adria bietet hier das meiste Jahr über 25 bis 40 m Sicht. Die Wassertemperatur reicht von 13 °C im Februar bis 25 °C im August. Mai, Juni, September und Oktober sind die besten Monate. Als halbgeschlossenes Meer ist die Adria stabiler als das Tyrrhenische oder Ägäische Meer, doch das bedeutet auch weniger Pelagisches. Was man findet, ist benthisches Leben: Gorgonien, Schwämme, Hummer, Zackenbarsche, Meeraale, Muränen, Nacktschnecken.
Herausragende Tauchplätze: die Steilwand des Mali Obručan (bis −40 m), das Wrack der Francesca da Rimini (ein 1944 versenkter italienischer Frachter, auf 35–50 m — nur für Fortgeschrittene oder Nitrox), die Höhle am Ravni Žakan und die Felswände von Piškera. Der Platz, den Einheimische am häufigsten empfehlen, ist die Krune des Klobučar, wo an der Wand bei 30 m rote Gorgonien mit 80 cm Durchmesser wachsen — Exemplare, die in weiten Teilen des Mittelmeers längst verschwunden sind.
Was kroatisches Tauchen besonders macht: Die Zentren sind klein, mehrheitlich familiengeführt, und arbeiten mit maximal sechs bis acht Personen. Das ändert das Erlebnis gegenüber Italien oder Spanien, wo sechzehn Taucher pro Boot der Normalfall ist. Hier lernt der Guide beim ersten Tauchgang dein Niveau kennen, passt das Profil an, und es entsteht nie das Gefühl eines Fließbandbetriebs. Der Haken: wenig Flexibilität. Wer den Abgang um 09:00 Uhr verpasst, wartet bis 14:00 Uhr.
Logistik: Flug nach Zadar oder Split, Mietwagen unbedingt erforderlich (40 Minuten bis zu den Abfahrthäfen in Sali, Murter oder Žirje), Unterkunft in Fischerdörfern, wo ein Doppelzimmer in einer Pension 60–80 € kostet. Tauchpreise: 35–50 € pro geführtem Tauchgang, Fünfer-Pakete für 180 €. Nationalpark-Gebühren werden separat erhoben (8–12 € pro Tag). Sprachen: Englisch ist in Tauchzentren universell; Deutsch ebenfalls häufig; Italienisch in den touristischen Zonen.
Die erste Überraschung: Die Meeresfauna ist merklich besser erhalten als an vergleichbaren Mittelmeerstandorten. Der Grund ist teilweise historisch — während des kommunistischen Jugoslawiens war der Freizeitfischereidruck in der kroatischen Adria gering — und teilweise institutionell: Seit der Unabhängigkeit 1991 werden die Nationalparks mit ernsthaften Budgets verwaltet. Hummer sind dutzendweise in einem einzigen Tauchgang zu zählen, ausgewachsene Zackenbarsche schrecken nicht auf, und Tiefwasserkorallen (*Dendrophyllia ramea*) bilden bei 35–45 m noch gesunde Bestände.
Die Enttäuschung: Pelagische Arten sind weitgehend abwesend. Keine verlässlichen Thunfischzüge, keine Haie, Rochen sind selten. Wer von Cabo de Palos mit der Erwartung von Barrakuda-Schwärmen kommt, wird feststellen, dass Kroatien etwas anderes ist. Hier geht es um präzises benthisches Tauchen, lebendige Wände, Makro- und Mittelfeldaufnahmen. Für Großpelagische in freiem Wasser muss man ins Rote Meer oder zu den Galápagos.
Das Fazit: Kornati ist ein Ziel für erfahrene Mittelmeertaucher, die etwas abseits des üblichen Angebots suchen. Außergewöhnliche Sicht, gut erhaltene Steilwände, professionelle kleine Zentren, vernünftige Preise und das seltene Gefühl, in einem Meer zu tauchen, das noch nicht erschöpft ist. Eine fünf- bis sechstägige Reise im September hält bei guten Wetterverhältnissen jedem europäischen Tauchziel stand. Für einen kurzen Ein- oder Zweitagesstopp ist der Aufwand kaum gerechtfertigt. Entweder mit ausreichend Zeit anreisen — oder gar nicht.

