Gemeiner Krake (Octopus vulgaris): Intelligenz, die man nur langsam entdeckt
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Vida Marina

Gemeiner Krake (Octopus vulgaris): Intelligenz, die man nur langsam entdeckt

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10. Juni 2026 3 Min. Lesezeit

Der Gemeine Krake ist vermutlich das am häufigsten fotografierte Tier im Mittelmeer und eines der am meisten unterschätzten Tiere im Freizeittauchen. Als Kopffüßer mit dezentralem Nervensystem und kognitiven Fähigkeiten auf Hundeniveau kann er Puzzles lösen und einzelne menschliche Gesichter wiedererkennen. Für aufmerksame Taucher gehören 10–15 Minuten mit einem Exemplar zu den eindringlichsten Begegnungen unter Wasser.

*Octopus vulgaris* ist der am weitesten verbreitete Krake im östlichen Atlantik und im Mittelmeer. Er lebt in Tiefen von 0–200 m, bevorzugt felsige Böden mit Spalten und Höhlen und führt ein solitäres Leben außerhalb der Fortpflanzungszeit. Adulte Tiere wiegen 2–10 kg bei einer Tentakellänge von 60–90 cm. Jedes Exemplar besitzt 8 Tentakel mit je 240 Saugnäpfen — insgesamt 1.920 —, 9 Gehirne (eines zentral, eines je Arm) und 3 Herzen. In der vergleichenden Physiologie gilt er als biologischer Alien in unserer Mitte.

Zur Intelligenz: Neurobiologische Studien von Peter Godfrey-Smith und Jennifer Mather belegen, dass Kraken Schraubgläser öffnen, Labyrinthe lösen, individuelle Menschengesichter langfristig erinnern — freundliche von feindseligen getrennt — und etwas zeigen, das Persönlichkeit kaum zu leugnen ist: manche Individuen neugierig, andere scheu, wieder andere konsequent aggressiv. Diese Kognition entstand vollständig unabhängig von der Wirbeltier-Intelligenz der Säugetiere und Vögel und bildet damit einen zweiten, eigenständigen Ursprung komplexen Denkens auf der Erde.

Wie man sie findet: der Gemeine Krake ist von Natur aus kryptisch. Er passt Farbe und Textur seiner Haut in Bruchteilen einer Sekunde an den Untergrund an. Die Hinweise für geübte Taucher: 1) Krabbenpanzer, Muschelhälften und leere Schneckenhäuser vor einem Felsloch — das ist die Haustür des Kraken. 2) Saugnäpfe, die sich am Eingang einer Höhle bewegen. 3) Gelbe Augen im Schatten. Anfänger schwimmen direkt an besetzten Verstecken vorbei; erfahrene Taucher lesen diese Mikrodetails.

Die Begegnung: Kraken sind gegenüber Tauchern nicht aggressiv, ausgenommen während der Fortpflanzungszeit, wenn Männchen territorial werden können. Nähert man sich langsam, ohne ruckartige Bewegungen, und verharrt reglos, ist es üblich, dass ein neugieriges Tier aus seiner Höhle kommt, mit einem Tentakel die Ausrüstung abtastet und 5–15 Minuten bleibt. Für Unterwasser-Makrofotografie ist diese Nähe und Dauer außergewöhnlich. Den Kraken anfassen ist nicht empfehlenswert: es erzeugt Stress und kann im Extremfall zur Selbstverstümmelung der Arme führen.

Farbwechsel: Chromatophoren — Pigmentzellen, die direkt vom Nervensystem gesteuert werden, nicht durch visuelle Wahrnehmung — ermöglichen dem Kraken einen vollständigen Farbwechsel in unter einer Sekunde. Rot signalisiert Alarmbereitschaft, Weiß Entspannung, geflecktes Braun Tarnung auf Felsen. Paradoxerweise sind Kraken farbenblind. Eine schnelle chromatische Transition mit kalibriertem Blitzlicht einzufangen ist technisch anspruchsvoll, liefert aber einige der eindrucksvollsten Makro-Aufnahmen in gemäßigten Gewässern.

Verbreitung und beste Tauchplätze: der Gemeine Krake ist im Mittelmeer, im Schwarzen Meer, im östlichen Atlantik von Marruecos bis Galicia und Südnorwegen sowie im westlichen Karibik (als *Octopus insularis*) weit verbreitet. In Spanien liefern Galicia — Cíes, Cabo de Peñas — die größten Exemplare (5–6 kg), gemästet von nährstoffreichen Kaltwasseraufquellungen. Mittelmeerstandorte wie Medas und Cabo de Gata bieten hohe Begegnungsraten, aber kleinere Tiere. Nachttauchgänge erhöhen die Sichtungshäufigkeit erheblich.

Jagdverhalten: Kraken jagen in der Dämmerung, an der Grenze zwischen Tag und Nacht. Taucher, die zu dieser Stunde ins Wasser gehen, erleben mitunter eine vollständige Jagdsequenz: das Tier schleicht sich an eine Krabbe heran, hüllt sie in einen Vorhang aus Tentakeln, trägt sie in die Höhle und frisst sie. Die simultane Verarbeitung dieser Abfolge — acht koordinierte Arme, dezentrale Tastwahrnehmung, Chemorezeption, hydrodynamische Detektion — übersteigt das, was die meisten Wirbeltiere parallel bewältigen.

Langsame Beobachtung als Methode: der Gemeine Krake belohnt Taucher, die auf Quantität verzichten und Tiefe der Begegnung suchen. Kein entferntes Liveaboard ist nötig — jede felsige europäische oder karibische Küste hat Kraken. Gefragt sind Geduld, eine bedächtige Annäherungstechnik und die Entscheidung, 15–20 Minuten bei einem einzigen Individuum zu bleiben, statt das nächste Tier zu suchen. Der Lohn ist der Kontakt mit einer Intelligenz, die der unsrigen wirklich fremd ist, auf einem völlig eigenen Evolutionspfad entstanden — und die ihrerseits zurückschaut.