Tauchen und Antihistaminika: warum ein Reactine vor dem Abtauchen keine gute Idee ist
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Tauchen und Antihistaminika: warum ein Reactine vor dem Abtauchen keine gute Idee ist

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31. August 2026 4 Min. Lesezeit

Antihistaminika gegen Allergien wie Reactine, Claritin, Aerius und Zyrtec wirken harmlos, und viele Taucher nehmen sie vor dem Einstieg ins Wasser, ohne lange nachzudenken. Die Realität sieht anders aus: Sie können ernsthafte Druckausgleichsprobleme, Benommenheit unter Wasser und schwer vorhersehbare Wechselwirkungen mit dem Umgebungsdruck verursachen. Dieser Leitfaden zeigt, welche freiverkäuflichen Medikamente vertretbar sind, welche nicht, und warum nur ein Tauchmedizinier das beurteilen kann.

Moderne Antihistaminika sind für den täglichen Gebrauch an der Oberfläche unbedenklich, ihr Verhalten unter Druck verändert sich jedoch grundlegend. Drei Punkte sind entscheidend. Erstens die Rebound-Schwellung der Schleimhäute: Auch wenn sie die Kongestion zunächst trocknen, können sie nach einigen Stunden eine Rückschwellung auslösen, die den Druckausgleich beim Aufstieg blockiert. Zweitens die Sedierung: Trotz der Vermarktung von Präparaten der zweiten Generation als ‚nicht schläfrig machend' verstärkt der hydrostatische Druck die sedativen Effekte auf eine Weise, die in oberflächlichen Tests nicht sichtbar wird. Drittens die Wechselwirkung mit der Stickstoffnarkose: Unterhalb von 25 m addieren sich die sedativen Eigenschaften direkt zur Tiefenrausch-Wirkung.

Die problematischsten Substanzen im Überblick: Diphenhydramin (Benadryl) wirkt stark sedierend und ist für das Tauchen schlicht nicht geeignet. Cetirizin (Reactine, Zyrtec) gehört zur neuen Generation, zeigt aber eine moderate Sedierung, die unter Wasser gefährlich werden kann. Loratadin (Claritin) sediert weniger, das Barotrauma-Risiko durch Rebound-Schwellung bleibt jedoch bestehen. Pseudoephedrin (Sudafed) ist kein Antihistaminikum, sondern ein Dekongestivum, das unter Druck eigene kardiovaskuläre Risiken mitbringt. Die praktische Regel: Jedes freiverkäufliche Medikament gegen Allergie oder Erkältung bedarf vor dem Tauchgang der Freigabe durch einen Taucharzt.

Hier liegt der Grund für das Versagen des Druckausgleichs: Antihistaminika trocknen die Schleimhäute zunächst, was für das Ohr günstig erscheint. Das Wirkfenster des Dekongestivums beträgt jedoch nur 4-6 Stunden. Ein Tauchgang von 60-80 Minuten kann dieses Fenster vollständig aufbrauchen. Wenn der Aufstieg beginnt, kann die Schleimhaut durch die Rebound-Schwellung genau dann anschwellen, wenn Luft aus dem Ohr entweichen muss. Das Ergebnis ist ein Barotrauma durch Blockierung. Ich habe das bei Tauchern erlebt, die Reactine vor dem ersten Tauchgang des Tages eingenommen hatten und beim zweiten aus dem Ohr bluteten.

Was in bestimmten Situationen wirklich hilft: Den Tauchgang abzusagen, wenn allergische Symptome oder Erkältungszeichen vorhanden sind, ist immer die richtige Entscheidung. Nasenspülungen mit Kochsalzlösung vor dem Eintauchen können helfen, ohne dass ein Medikament eingesetzt wird. Bei gut eingestellter chronischer allergischer Rhinitis und ausdrücklicher Freigabe durch den Tauchmedizinier kann ein Antihistaminikum der zweiten Generation wie Claritin, vier Stunden vor dem Tauchgang eingenommen, tolerierbar sein — aber diese Einschätzung liegt beim Arzt, nicht beim Freizeittaucher.

Weitere problematische Medikamente, die man kennen sollte: Aspirin und Antikoagulanzien beeinflussen die Blutgerinnung und erhöhen das Blutungsrisiko bei Barotrauma. Beruhigungsmittel wie Valium oder Xanax sind vollständig tabu. Cannabis in jeder Form ist vollständig verboten. Alkohol ist verboten — vor dem Tauchen, während der Oberflächenpausen und mindestens 8 Stunden danach. Ibuprofen gilt allgemein als unbedenklich, sollte aber ärztlich abgeklärt werden. Antidepressiva vom Typ SSRI sind in der Regel vertretbar, erfordern aber eine individuelle Beurteilung.

Was fast niemand sagt: Die meisten Tauchbasen fragen gar nicht nach Medikamenten. Das macht es zu einer vollständig persönlichen Verantwortung. Der Hausarzt kennt meistens die Wirkungsweise von freiverkäuflichen Medikamenten unter Hyperbarbedingungen nicht. Gebraucht wird ein auf Tauch- und Hyperbarmedizin spezialisierter Arzt — DAN führt ein weltweites Verzeichnis von Tauchmedizinern. Eine Konsultation kostet 80-150 €, ist aber der einzige zuverlässige Weg, um zu wissen, welche Medikamente mit dem eigenen Gesundheitsprofil vereinbar sind.

Wenn etwas während des Tauchgangs schiefgeht: Jedes Anzeichen mangelhaften Druckausgleichs oder ungewöhnlicher Benommenheit nach Medikamenteneinnahme ist ein Signal, kontrolliert aufzusteigen und den Tauchgang abzubrechen. An der Oberfläche erfordern Verwirrung, ungewöhnliche Schläfrigkeit oder Koordinationsverlust sofortige ärztliche Abklärung. Die Wechselwirkung zwischen Medikament, Druck und Tiefenrausch ist unvorhersehbar und kann eine Druckkammer zur Behandlung erfordern.

Das Fazit ist eindeutig: Kein neues Medikament vor dem Tauchen ohne Freigabe durch einen Tauchmedizinier. Häufige Allergien oder Erkältungen sind ein Grund für eine vollständige medizinische Untersuchung, bevor das Tauchen fortgesetzt wird — kein Grund zur Selbstmedikation am Boot. Taucher, die dauerhaft Medikamente einnehmen, sollten sich jährlich von einem Hyperbarmediziner untersuchen lassen. Der Unterschied zwischen ‚Reactine nehmen und ins Wasser springen' und ‚vorher den Arzt fragen' kann der Unterschied zwischen Urlaub und Krankenhausaufenthalt sein.